Wie alt ist Pickau wirklich?

Wie alt ist Pickau wirklich?

Im Jahre 2011 beging die kleine Ortschaft Pickau feierlich den 600. Jahrestag ihrer urkundlichen Ersterwähnung. Grundlage hierfür ist die Urkunde Nr. 826 des Hochstifts Meißen vom 11. Juli 1411. In dieser genehmigen Bischof Rudolf und das Domcapitel zu Meißen den von Bischof Thimo unter Vorbehalt des Wiederkaufs bewirkten Verkauf von Geld- und Getreidezinsen sowie des obersten Gerichts zu Gysselsdorf (Geißmannsdorf) an Hans und Heinrich von Kynczsch („zu Pickaw gesessen”) und Sigmund und Hans von Wurgwitz. Im Jahr darauf, am 13. November 1412, belehnt Bischof Rudolf Hans von Gaußig mit 130 Schock Gr. auf drei Jahre und überlässt ihm für diese Zeit die Nutznießung des Vorwerks Göda. Für die Rückzahlung stellt Bischof Rudolf ihm Bürgen. Hier taucht wiederum Heinrich von Kynczsch zu Pickow auf (Urkunde Nr. 848 des Hochstifts Meißen). Bischof Rudolf versucht mit diesen und ähnlichen Maßnahmen um diese Zeit, das aus der Amtszeit seines Vorgängers, Bischof Thimo,  hochverschuldete Bistum Meißen aus seiner finanziellen Schieflage zu retten. Es ist schon bemerkenswert, dass unser heute kleines, beschauliches Pickau damals eine nicht unbedeutende Rolle bei den Geschäften des um diese Zeit bereits sehr mächtigen Bistums Meißen spielte.

Eben dieser Fakt legt den Gedanken nahe, dass Pickau im späten Mittelalter ein wirtschaftlich, politisch und auch finanziell starker Ort gewesen sein muss. Um sich bis zu diesem Niveau entwickeln zu können, muss Pickau zwangsläufig wesentlich älter sein und schon wesentlich früher als 1411 bestanden haben. Forschungen und Recherchen des 2011 gegründeten Historischen Stammtischs Pickau haben dies mittlerweile bestätigt.

Werfen wir einen Blick noch weiter zurück in der Geschichte unseres Landstrichs. Eine der wohl größten Zeitetappen in der Besiedlung unseres Gebietes waren die großen Völkerwanderungen beginnend mit dem 5. Jahrhundert. Verschiedene slawische Stämme besiedelten das Gebiet beidseitig der Spree etwa von deren Quellgebiet bis nach dem heutigen Lübben. Zu diesen westslawischen Stämmen zählten die Milzener und Lusizer in der heutigen Ober- und Niederlausitz, als deren Nachfahren sich die Sorben verstehen. So wurde in den folgenden beiden Jahrhunderten auch das Gebiet rund um das heutige Kamenz durch diese Stämme besiedelt. Vorher war das Gebiet von den Hermunduren, einem germanischen Volksstamm besiedelt, die jedoch vermutlich im 3./4. Jahrhundert zum Teil selbst wieder abgewandert waren. Mit dem ausgehenden 4. Jahrhundert zogen die Hunnen von Osten her über das Gebiet der Wolga und des Kaukasus bis nach Mitteleuropa und lösten damit die große Völkerwanderung in Europa aus. Nach ihrem Durchzug durch unser hiesiges Gebiet folgten ihnen die Vandalen, die ebenfalls unser Gebiet durchquerten. Diesen folgten schließlich von den Karpaten her die genannten slawischen Stämme, denen es gelang, die noch hier siedelten Hermunduren nach Westen hin bis etwa zur Elbe zu verdrängen.

In den folgenden Jahrhunderten wurden diese Stämme hier sesshaft. Sie lebten vorwiegend als Bauern in kleinen Stammesverbänden, die jeweils nur einige Dutzend recht kleiner dörflicher Siedlungen umfassten. Die Westslawen waren allerdings auch schon deutlich in die Masse abhängiger Bauern und eine schmale adlige Herrschaftsschicht gegliedert. Deren Herrschaftszentren waren die zahlreichen Slawenburgen mit Wehrmauern aus Holz-Erde-Konstruktionen, welche ab dem Ende des 9. Jahrhunderts entstanden und heute noch zahlreich als „Schanzen” nachweisbar sind (z. B. naheliegend Ostro, Uhyst, Göda usw.).

Ungeachtet der Ansiedlung der Slawen gab es dennoch immer wieder östlich der Elbe Verdrängungskämpfe zwischen den vorherigen Bewohnern des Gebietes und den Slawen. Reichte das Siedlungsgebiet der Slawen lange Zeit etwa bis an die Linie Uhyst – Ostro – Elstra – Hochstein, gab es eben genau in diesem Grenzgebiet immer wieder Reibereien zwischen den benachbarten Stammesgruppen. Schließlich wurde Ende des 9. Jahrhunderts  zu Friedersdorf ein Friedensvertrag geschlossen, der den Fluss Pulsnitz als Grenzfluss zwischen den deutschen und den slawischen Stämmen festlegte. Damit war nun auch das Gebiet des Hutberges (beim heutigen Kamenz) mit dem als „Camen” bezeichneten Felsmassiv mit zum slawisch besiedelten Gebiet gekommen. Die Bedeutung dieses Fakts wird später noch deutlich werden.

912 bestieg Heinrich I. den deutschen Königsthron. Das Ostfränkische Reich war zur Zeit seiner Krönung durch mehrere Ungarneinfälle stark geschwächt. Es kam zu einer Etablierung regionaler Mittelgewalten, den späteren Herzogtümern. Heinrich gelang es allerdings, durch Freundschaftsbündnisse mit diesen seine eigene Machtstellung geschickt auszubauen und auch mit den Ungarn einen neunjährigen Waffenstillstand zu erreichen. Er nutzte diese Zeit, um den deutschen Adel zu stärken, bildete Soldaten aus, führte Turniere durch. So gestärkt nahm er die Ausdehnung seiner Macht an der Ostgrenze des Reiches in Angriff, unterwarf 922 die Gebiete westlich der Elbe und führte schließlich auch 928/29 einen groß angelegten Feldzug zur Unterwerfung der slawischen Stämme östlich der Elbe. Seinen Vormarsch sicherte Heinrich I. durch die Anlage zahlreicher Burgen. Eine der wichtigsten Gründungen war 928/29 die Zwingburg in Meißen gegen die besiegten Daleminzer, von wo aus er 932 die Milzener unterwarf, genau den Stamm, der in unserem Gebiet siedelte. Zu dieser Zeit wurde auch der Volksname „Sorben” allmählich auf die siedelnden Lusitzi und Milzener übertragen.

Heinrich I. ordnete in der Folgezeit auch in den neu eroberten Gebieten die Errichtung von Burgen an, um den Machtausbau östlich der Elbe weiter fortzusetzen. Diese gewaltsame Unterwerfung der Sorben wurde von Gero, dem von Kaiser Otto I. eingesetzten Markgrafen der Sächsischen Ostmark, zielgerichtet fortgesetzt. Auch auf dem bereits genannten Felsen Camen sollte eine Burg errichtet werden. Innerhalb des damit geschaffenen Gaus um den Hutberg und den Felsen Camen herum wurden ca. 20 „Pagos” eingeteilt und in jedem von diesen ein Burgstadel, ein Platz zur Erbauung einer Burgwarte festgelegt. In diesen Burgen sollten die kaiserlichen Tribute, die von den Bewohnern der betreffenden Gebiete zu leisten waren, bis zur weiteren Ablieferung aufbewahrt werden und natürlich Säumige auch nachdrücklich an ihre Pflichten erinnert werden. Die Plätze dieser zu errichtenden Burgen deckten sich sinnvollerweise weitgehend mit bereits vorhandenen Slawenburgen. Konkret in unserem näheren Gebiet zu nennen sind hier die Burgen auf dem Burkauer Berg, bei „Mohren” (heute Ohorn) und auch Burgstadel (nahe Rehnsdorf). Damit war die Unterwerfung der Sorben endgültig.

Die Herrschaft über die Lausitz und das Milzenerland mit der strategisch bedeutenden Burg Bautzen war allerdings noch von 1002 bis 1032 mit wechselseitigem Erfolg zwischen den Deutschen und dem Polenherzog Boleslaw Chrobry umkämpft. 1002 bemächtigte sich Boleslaw der Stadt Bautzen. Heinrich II., der mittlerweile auf dem Kaiserthron saß, gelang es jedoch, Boleslaw wieder zurückzudrängen, woraufhin dieser allerdings 1007 und wiederholt 1010, 12 und 13 bis nach Meißen vordringen konnte. Letztendes kam es zu Friedensverhandlungen zu Bautzen im Jahr 1018, in deren Ergebnis Boleslaw die Länder Milczane und Lusiczi behalten sollte. Damit wurde das gesamte Gebiet südlich des heutigen Kamenz Besitz des Polenherzogs Boleslaw Chroby.

1024, nach dem Tod Heinrichs II., wurde Konrad II. zum deutschen Kaiser gekrönt. Boleslaw seinerseits starb 1025. Seine Söhne Miesco und Otto trachteten beide danach, ein eigenes Königreich zu stiften. Kaiser Konrad nutzte diesen Bruderstreit aus und belagerte 1029 Bautzen. In der Folge dieser Belagerung zwang Konrad II. Miesco, das Milzenerland und damit auch den mittlerweile entstandenen Distrikt Camenz wieder in deutsche Herrschaft zu geben.

Im Jahr 1068 schließlich belehnte Heinrich IV. den Ritter Ehrenfest, Grafen von Stein, mit dem Flecken Camenz und dem gesamten zugehörigen Gau und erhob damit den Camenzer Distrikt zur Burggrafschaft. In der Folge dessen wurde die Burg zu Camenz weiter ertüchtigt und ausgebaut. Die bisher bestehenden alten Burgen, d. h. die auf den festgelegten Burgstadeln errichteten Befestigungen, wurden ebenso weiter ausgebaut. Hierzu gehört neben den Festen Mohr bzw. Mohren (Ohorn) und Burgstadel (bei Rehnsdorf) auch die Feste Pickow, deren Name wahrscheinlich von „Pickol”, dem Höllengott abgeleitet ist. Gemeint ist damit die Burg auf dem heutigen Burkauer Berg, auf dem nachweislich eine Slawenschanze gestanden hat. Die namentliche Verbindung rührt höchstwahrscheinlich von der unterhalb des Burkauer Berges gelegenen „Hölle” her, einem kleinen, dunklen Kerbtal, in welchem einer der Quellbäche des Klosterwassers entspringt. Der Name Pickau taucht hier auch erstmals in diesem zeitlichen Rahmen in der Literatur auf. Allerdings fehlt hier noch der räumliche Zusammenhang zum heutigen, 3 km entfernten Pickau.

Heinrich IV. belehnte 1076 aus Rache gegen den Meißner Markgrafen Egbert das gesamte Markgraftum Meißen an den Herzog von Böhmen Wratislaus. Dadurch wurde dieser oberster Lehnsherr des Landes und somit auch der Burggrafschaft Camenz. Markgraf Egbert ließ es natürlich nicht darauf beruhen, sondern zog 1080, nachdem Heinrich IV. mit dem Bann des Papstes belegt war, gegen den Böhmenherzog und eroberte Teile des Markgraftums zurück. Dennoch blieb u. a. die Burggrafschaft Camenz und die östlich davon gelegenen Landesteile in Lehen beim Herzog Wratislaus.

Welches Gebiet umschloss nun eigentlich die Burggrafschaft Camenz? Dr. Johann Gottfried Bönisch gibt hierzu in seiner 1825 erschienenen „Historischen geographisch statistischen Topographie oder geschichtlichen Beschreibung der Stadt Camenz”ab dem § 128 recht umfangreich Auskunft: „Das Gebiet der Burggrafschaft Camenz oder der Gau, womit der Burggraf Ehrenfest, Graf vom Stein, durch Kaiser Heinrich IV. belehnt worden war, erstreckte sich vom 31° 22‘ – 31° 56‘ der Länge von Ferro und vom 51° 9‘ – 51° 26‘ nördlicher Breite.” 

Da aus Pickauer Sicht nur die südliche Begrenzung der Burggrafschaft von Interesse ist, sind die folgenden Ausführungen gekürzt wiedergegeben. „Die äußerste Gebietsgrenze lief mit der großen Polßnicza, von ihrem Ursprunge südwestlich am Hohnstein fort, nach Polßnicz, […] Von hier aus verfolgte sie längst dieses Grenzflusses ihren Weg durch Friedersdorf gegen Oberlichtenau [… (es folgt die Beschreibung der nördlichen Flüsse) …] bis er [der Elstrafluss] ihr einen sichern Pfad ins Flußbette des Tußin südlich und aufwärts über Schönaw, Rallwicz, Czerna, Casericz und Crostwicz ebnete; damit sie über Uhyst, Tußindorf und Schönbrunn bei der Täubitz gen Pickau sich dem Sibinnensteine wider nähern und vollenden konnte.” Somit gehörte das frühere Dorf Teupitz, welches heute als Wüstung bekannt ist, Pickau und von der Führung der Grenzlinie her gesehen auch Rammenau mit zur Burggrafschaft Camenz.

„Die Gewässer, welche das Gebiet der Burggrafschaft befruchteten und solches als Flüsse und Bäche sämmtlich in nordwestlicher Richtung durchschnitten, waren: […] Ehe dieser gemeinsame Fluss [das Elsterwasser] jedoch noch über das Gebiet des Burgbannes hinaustrat, nahm er auch noch den schon gedachten östlichen Grenzfluss, den alten Tußin, späterhin das Klosterwasser genannt, auf, dessen Lauf folgender ist. Ohnfern des Sibinnensteins und zwar am Fuße des mit ihm zusammenhängenden Tännigts, des Burgauer (Burkauer) Berges in der Nähe des Höllengötzen-Sitzes Pickol, in einer beträchtlichen Tiefe, zur Hölle genannt, entsprang dieser, die Auen befruchtende (fett, tuschnova, machende) Tußinfluß. Er durchströmte sogleich mit Emsigkeit die Burgaue, wendete sich östlich gegen Tußindorf (Taschendorf), welches er jedoch eben so wenig […] ganz berührte, ihm jedoch den Namen ertheilte.” Hier taucht ebenfalls wieder der Name Pickol bzw. wie schon früher erwähnt Pickow auf, der Name der Burg auf dem Burkauer Berg. Die Namensgleichheit lässt eigentlich nur einen logischen Schluss zu: Die alte slawische Siedlung, an deren Stelle sich heute Pickau befindet, war ebenso wie Rammenau, Teupitz und Taschendorf sowie Burkau selbst der Burg Pickow zugehörig. Das heutige Pickau dürfte damals bereits ein Vorwerk der Burg gewesen sein. Mit späteren Aussagen wird diese Vermutung noch weiter bestärkt werden.

Festzustellen ist ebenfalls, dass die Grenzen der Burggrafschaft Camenz bis weit nach Süden bis kurz vor die Tore von Bischofswerda gereicht haben. Wie bereits erwähnt, stand dieses Gebiet wie die gesamte Oberlausitz unter böhmischer Herrschaft, während Bischofswerda selbst bischöflich war. Die politischen Grenzen verschoben sich allerdings in der Folge noch ein wenig, als wegen fortschreitender Grenzstreitigkeiten zwischen Böhmen und Meißen 1213 eine Grenzberichtigung vorgenommen wurde, die 1228 bestätigt und 1241 durch Wenzeslaus, König von Böhmen, auf dem Königstein ratifiziert worden war. Diese Grenzberichtigung ist heute unter dem Namen „Oberlausitzer Grenzurkunde”bekannt. Der Grenzverlauf ist im Gebiet um Pickau herum von Frankenthal aus im Verlauf der Gruna durch das sumpfige Gebiet zwischen Rammenau und „Geißelbrechtsdorf”, von da weiter entlang der Ansammlung der Steine (gemeint ist hier die Linie entlang des Burkauer Berges, des Katzensteins und der ehemaligen Felsklippe unterhalb des Scherflings) bis an den „Brunnen nahe bei Täubicz” (der „Schusterborn”, das Quellbecken des Silberwassers) und weiter entlang des Verlaufes des Silberwassers. Mit dieser Grenzfestlegung wurde das heutige Pickau nebst Geißmannsdorf politisch aus der Burggrafschaft Camenz als auch aus dem Herrschaftsgebiet der Burg Pickow herausgelöst. Es ist anzunehmen, dass die Burg Pickow in der Folge ihre Bedeutung als Grenzburg und auch als Tributsammelstelle vollkommen verloren hat und in den nächsten Jahrzehnten aufgegeben worden ist.

Wenngleich auch mit der Oberlausitzer Grenzurkunde die politischen Verhältnisse neu geordnet wurden, waren doch die wirtschaftlichen Verhältnisse unverändert geblieben. Das starke Geschlecht derer von Camenz, welches erst nach 1430 aus der Geschichtsschreibung verschwindet, hat lange Zeit die Herrschaft über die Burg Camenz ausgeübt, hat über Jahrhunderte den Besitz der Dörfer der Burggrafschaft Camenz unter sich aufgeteilt, hat auch über lange Zeit die Äbtissinen des Klosters Marienstern hervorgebracht. So ist es nicht verwunderlich, dass Bönisch in der bereits erwähnten Chronik zur Stiftung eines Altars in der Stadt Camenz schreibt: „Der Camenzer Pleban, Michel Schönebier, bestimmte darzu 8 Mark jährliche Zinsen auf Heinrichs, Bursos und Balthasars von Camenz Gütern, nämlich auf Rammenau, Bretnig, Bischofsheim, Pickau und auf der Schafwiese, vor Bischofswerda gelegen.” Aus diesem Satz lassen sich vier für Pickau wesentliche Schlussfolgerungen ziehen:

  1. Selbst 200 Jahre nach der Oberlausitzer Grenzurkunde steht Pickau noch im Besitz derer von Camenz.
  2. Das frühere Gebiet der Burggrafschaft Camenz reichte bis kurz vor die Stadttore von Bischofswerda, denn mit der Schafwiese ist mit Sicherheit die große, damals freie Fläche entlang des heutigen Klengelweges bis ungefähr zur heutigen August-König-Straße gemeint.
  3. Da unmittelbar um Pickau herum eine Schafwiese benannt wird, ist anzunehmen, dass sich das Rittergut bzw. Vorwerk Pickau bereits sehr früh mit Schafhaltung und -zucht befasst hat. Für spätere Jahre werden in der Bischofswerdaer Chronik von Pusch hierzu konkrete Zahlen genannt werden.
  4. Geißmannsdorf, welches bereits in der Oberlausitzer Grenzurkunde mit genannt wird, taucht in der Aufzählung der Güter nicht auf. Geißmannsdorf dürfte damit mit Sicherheit direkt zum Rittergut Pickau gehört haben.

Die Herrschaft derer von Camenz ging nach 1430 zu Ende. Der bereits genannte Burso von Camenz und seine Mutter verkauften die Burg Camenz nebst Zubehör 1432 an die Stadt Camenz. Burso überließ 1438 zwei Bauergüter zu Lückersdorf käuflich an den Rat der Stadt Camenz und starb im selben Jahr als der Letzte der Linie, welche Rechte auf Camenz gehabt hatte. Heinrich von Camenz, auf Pickau gesessen, verkaufte 1430 der Stadt Camenz das Dorf Prietitz und 1438 dem Rathe zu Camenz alle Gerechtigkeit über Lückersdorf. Er dokumentierte auch, dass er die Lehnschaft, Mannschaft und das Mannrecht an der Landschaft zum Camenzischen Kreise mit seinen Vettern Balthasar und Burso frei verkauft habe (nachzulesen in der Urkunde 94 des Urkundenbuchs der Stadt Kamenz).

Der eingangs in der Urkunde von 1412 genannte Heinrich von Kynczsch zu Pickow dürfte mit hoher Wahrscheinlichkeit mit Heinrich von Camenz gleichzusetzen sein. In der Pickauer Geschichte folgt auf ihn 1428 der „gestrenge Hansen Kochenmeister”, schließlich 1439 die Brüder Hans und Joachim Bolberitz. Deren Nachkommen verkaufen das Rittergut 1544 zusammen mit Geißmannsdorf, Teupitz und Schönbrunn (Meißner Seite) für 5200 Rheinische Gulden. Die weitere Geschichte des Gutes Pickau ist bekannt.

Wie alt ist Pickau nun tatsächlich. Betrachtet man die Ursprünge der Besiedlung des hiesigen Gebietes, ist als sicher anzunehmen, dass an der Stelle des heutigen Pickau ebenso wie an der Stelle der Wüstung Teupitz bereits mit der Besiedlung durch die slawischen Stämme dörfliche Siedlungen bestanden haben dürften. Damit liegen die Ursprünge dieser beiden Ortschaften irgendwo zwischen dem 6. und dem 9. Jahrhundert. Nachzuweisen ist dies natürlich derzeit nicht. Ebenso wenig nachweisbar ist momentan die Funktion Pickaus als Vorwerk der Burg Pickow auf dem Burkauer Berg. Aus den vorstehenden Ausführungen dürfte jedoch ersichtlich sein, dass diese Theorie sehr wahrscheinlich ist und dass die slawische Siedlung sich am Ende des 10./Anfang des 11. Jahrhunderts zum Vorwerk der Burg gewandelt hat. Pickau besaß bis zu seinem Verkauf 1544 ständig das Dorf Geißmannsdorf, welches als Waldhufendorf im Zuge der Frankenbesiedlung im 11./12. Jahrhundert entstanden sein dürfte. Die typische Anordnung der Waldhufen in Geißmannsdorf lässt sich noch heute wie in vielen anderen derartigen Dörfern in unserem Landstrich auf Landkarten nachweisen. An Geißmannsdorf fällt hingegen auf, dass die typische Doppelhufe des Lokators, also des Ortsgründers, fehlt, und dass die Waldhufen am Hustegraben, der zwischen Geißmannsdorf und Pickau fließt, abrupt abbricht. Vermutlich saß der Lokator damals auf dem Rittergut Pickau, dessen Grundstücke natürlich mit der Besiedlung von Geißmannsdorf nicht verändert wurden. Auch hierfür steht der Nachweis noch aus. Es wird aber immer deutlicher, dass Pickau ab dem 10. Jahrhundert ein bedeutendes Vorwerk bzw. Rittergut gewesen sein dürfte und für die späteren Herren von Camenz einen bedeutenden Wirtschaftsfaktor dargestellt hat. Jedoch sind auch dies nur Überlegungen aus der historischen Entwicklung der Burggrafschaft Camenz heraus. Urkundlich nachweisbar ist Pickau erst ab dem Jahr 1411.

Doch halt! In der Bischofswerdaer Chronik von Pusch aus dem Jahr 1658 wird noch eine Legende erwähnt, in der das Gut Pickau eine nicht unbedeutende Rolle spielt. In Bischofswerda gab es außer der reichen Pfarrkirche noch die kleinere Kirche „Zu Unseren Lieben Frauen”, die Marienkirche. Nikolaus Platzbecker, ein wohlhabender Bürger der Stadt, hatte sie im Jahre 1388 erbauen lassen. Andererseits erzählt man sich aber, dass besagter Nikolaus Platzbecker das Geld für den Kirchbau gar nicht aus eigenem Besitz genommen habe. Vielmehr sei er im Jahre 1384 in einem Traum gemahnt worden, bei anbrechendem Morgen nach Dresden zu gehen, wo er auf der dasigen Elbbrücke einen großen Schatz finden werde, wovon er aus schuldiger Dankbarkeit zu Ehren der Jungfrau Maria eine Kirche erbauen sowie zur Einrichtung und Erhaltung des Gottesdienstes ein bestimmtes festes Einkommen ordnen solle. Kürzen wir die Legende ein wenig ab: Platzbecker findet in Dresden keinen Schatz, erfährt aber dort von einem Fuhrmann, dem ein ähnlicher Traum widerfuhr, dass er nach Pickau gehen solle, er werde in der hohlen Kiefer, welche vor dem Vorwerk steht, einen Schatz finden. Da der Fuhrmann selbst Dresden nicht verlassen kann, nimmt sich Platzbecker der Sache an und findet schließlich 1384 den Schatz in besagter Kiefer. Mit diesem Geld soll er das Frauenkirchlein in Bischofswerda erbaut haben. Soweit die Legende, die zumindest bestätigt, dass 1384 das Vorwerk Pickau schon bekannt gewesen sein muss.

Im Zuge der Recherchen zur Geschichte von Pickau stieß ich auf eine Urkunde aus dem Jahr 1384, datiert auf den 13. April. Es ist die Urkunde Nr. 434 der Urkunden der Stadt Meißen und ihrer Klöster. Markgraf Wilhelm eignet dem Kloster unser lieben Frauen zu Marienstern Geldzinsen, welche dasselbe zu einem eigenen Lichte gekauft hat. Wörtlich heißt es darin: „Wir Wilhelm von Gottes Gnaden Markgraf zu Meißen […] bekennen öffentlich […] dass wir […] gegeben haben ein Schock und sechsunddreißig Groschen, die gelegen sind in dem Flure und Feld des Dorfes zu Bichow (Pickau) auf zweien gebreiten Art Ackers und am Holze und an den Wiesen […]” Der örtliche und zeitliche Zusammenhang dieser Urkunde mit der Platzbeckerschen Legende kann kein Zufall sein. Die Kirche „Unser lieben Frauen” in Bischofswerda ist im Zusammenhang mit dem einzigen Nonnenkloster der Region, eben dem Kloster Marienstern zu sehen und durch dieses finanziert worden, die damalige Äbtissin entstammte ebenfalls dem Geschlecht derer von Camenz. In der Urkunde wird genau das belegt, was später in der freien Auslegung als Legende in der Chronik von Pusch niedergeschrieben worden ist. Damit liegt aber auch gleichsam eine frühere Urkunde vor, in welcher Pickau erstmals namentlich genannt wird.

Somit steht fest: Pickau darf 2014 getrost den 630. Jahrestag seiner ersten urkundlichen Erwähnung begehen, wohlwissend, dass seine Geschichte noch einige Jahrhunderte weiter zurückreichen dürfte.

Uwe Tilch
Historischer Stammtisch Pickau


Quellennachweise

Codex diplomaticus Saxoniae Regiae, Urkunden des Hochstifts Meißen

Codex diplomaticus Saxoniae Regiae, Urkunden der Stadt Meißen und ihre Klöster

Michael Pusch: Wahrhafftige Historische Beschreibung der Churf. Sächsischen Stadt Bischoffswerda, 1658

Dr. Johann Gottfried Bönisch:  Historische geographisch statistische Topographie oder geschichtlichen Beschreibung der Stadt Camenz, 1825

A. Mikus, E. Paulick: Pickau vom Rittersitz zum Wohngebiet, 2011

Prof. Dr. Dr. R. Jecht: Neues zur Oberlausitzer Grenzurkunde, in: Neues lausitzisches Magazin, Band 95, 1919

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